Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Eine Auswahl aus der Anthologie:

Hier geht´s zur zweibändigen Anthologie 2016!

Die Anthologie kann leider nicht mehr angefordert werden (Kontaktformular). Wer gerne noch etwas mehr lesen möchte als dieses Vorwort, kann sich diese PDF-Datei mit den Einleitungen zu den Romanauszügen herunterladen.

Glück gehabt!

Sie haben alle Glück gehabt, die Protagonisten dieser Anthologie: Konrad Kannmacher, das Sonntagskind, das als einziges Mitglied eines Spezialkommandos aus „dem Krieg“ zurückkehrt, äußerlich kaum gezeichnet, und danach, in der jungen Bundesrepublik, erst recht; Hildegard von Kamcke, die aus Ostpreußen vertriebene Adlige, die im Alten Land bei Hamburg neue Heimat und Familie findet, auch wenn sie nicht willkommen ist; Stasia Jaschi, Erbin des einzigartigen Rezepts für glücklich machende Schokolade, die das gesamte Jahrhundert durchlebt und am Ende noch ihrer Enkelin Niza die Lust an den Geschichten hinter den Geschichten vererbt; Hien, Sungs Mutter, 1980 als Vertragsarbeiterin in die DDR eingereist und in der Bundesrepublik gelandet, die den Traum vom glücklichen Zusammenleben als Großmutter nicht nur für sich, sondern für ihre neue Heimat wahrmacht; und all die, die keine Kriege miterleben, keine Heimat verlassen mussten, die in einer kleinen Welt ohne Krieg aufwachsen und leben durften.

Aber viele von ihnen würden eher das Partizip II betonen: Glück gehabt, wie das Paar in dem unironisch-resignativ „Die Glücklichen“ benannten Roman von Kristine Bilkau; die Paare mittleren Alters, die sich dauernd voneinander trennen und doch nicht voneinander loskommen in den „Momenten der Klarheit“ von Jackie Thomae; der Sportredakteur des Taunus-Anzeigers, der nicht nur seine Freundin verloren hat, sondern sogar von seiner eigenen kleinbürgerlichen Verwandtschaft als Versager behandelt wird; Hinrich, vom Kulturredakteur zum Pensionär und Museumswärter gealtert, der um seine Frau Irene trauert, die er nicht davor hat bewahren können, sich vom Goetheturm in Frankfurt zu stürzen.

Und während die ersten dann doch nie wirklich glücklich werden und die zweiten es nie gewesen sind, entschließen sich Andreas Egger und Hanns-Josef Ortheil, die beide mit Sprachlosigkeit beginnen, in sich selbst zu ruhen und den Umständen nicht zu erlauben, sie zu brechen: der eine, in dem Roman von Robert Seethaler, nimmt sein Leben an und versperrt sich nicht dem Lauf der Welt, der andere, Held des Romans, dessen Autor heißt wie er, erhält sich das eigene Urteil, weil seine Eltern ihm unbeirrt Gelegenheit gegeben haben es zu entwickeln (Lizenz angefragt).

Gegenüber all diesen weit ausgreifenden Romanen, die ganze Lebensgeschichten erzählen oder noch mehr, beschränkt sich Frank Witzel auf den Sommer 1969, in dem sein pubertierender namenloser Protagonist sich einen Platz in der antagonistischen Welt der jungen Bundesrepublik zusammenträumt. Dafür benötigt der Autor dennoch 800 Seiten und eine Vielzahl von Stimmen und literarischen Verfahren.

Dieses Dutzend aktueller Romane dem baschkirischen Leser und der baschkirischen Leserin vorstellen zu können, erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit. Erstens darüber und dafür, dass es zurzeit in Deutschland so hervorragende erzählende Literatur gibt. Zweitens, dass mir die Verlage und Autoren zum Teil verbunden mit einer ausdrücklichen Anteilnahme am Geschick dieser Anthologie so großzügig die Genehmigung zum Abdruck längerer Textpassagen überlassen haben. Und drittens, aber nicht weniger erfreulich, dass es in Baschkirien ein Deutsch lesendes Publikum gibt, das einen Einblick in die deutsche Literatur der Gegenwart zu schätzen wissen wird.